Kurzgeschichte: Er tanzt

KURZSCHREIBUNG: „Das bisschen, was ich lese, schreibe ich selbst.“, sagt Kurt Tucholsky. Wir schließen uns an schreiben die Geschichten, die wir immer schon einmal lesen wollten. Die schönsten werden hier veröffentlicht, als Kurzgeschichte der Woche. Wer eine hat, schickt sie uns. Es beginnt mit Benjamin Faller, 10b.

Er tanzt.

Er musterte erst jetzt seine Tanzpartnerin, nachdem sie gekommen war, genauer. Es war schon spät am Abend, er war wieder in der Disco, Tanzen, wie gestern, nach einem langen Tag des Hetzens für die Arbeit und für die Karriere. Sie tanzte in High Heels, die ihren Stand nicht wirklich stabilisierten. Stattdessen klammerte sie sich mit ihren fleischigen Fingern an ihm fest. Sie trug einen harten Ring mit überdimensionalem Schmuckstein, der eindeutig unecht war, am Mittelfinger der rechten Hand. Ihre langen Fingernägel, rot lackiert übrigens, krallten sich ihm in den Rücken. Ihr leichtes Kleid, dass stellenweise durchsichtig war, hatte einen Ausschnitt, der bis unter den Brustansatz reichte, was das Tragen eines BH unmöglich machte. Insgesamt erinnerte das Kleid ihn an die unsachgemäß festgemachte Abdeckplane des Lkws auf der Autobahn von neulich, die sich gelöst hatte und ohne wirklichen Halt im Wind flatterte.

Er, der ewige Casanova, der viel besser als seine Freunde war, die einen Wettstreit darum in Gange hielten, linste zu ihr rüber. Während seine Tanzpartnerin offenbar betrunken seine Körpernähe suchte – er wusste genau, dass sie das nur spielte, ganz ähnlich dem vorgetäuschten Orgasmus der wahrscheinlich später am Abend folgen würde. Wie gestern. Ihre Freundinnen – oder zumindest die Mädchen, die es bis heute Abend gewesen waren, und nun wieder auf den Barhockern wie in De Wallen, saßen – die es die letzten Abende gespielt hatten. Denn von einem Caipirinha mit Ginger Ale wird man nicht betrunken, auch von einem mit Cachaça nicht, von denen er eigentlich zwei für sie bestellt hatte. Wie gestern.

Eigentlich kommt er nur des Tanzen wegens und wegen ihr. Sie lehnt da drüben an der Bar und trinkt genüsslich einen Caipirinha mit braunem Cachaça und Rohrzucker. Die enge Röhrenjeans betont ihre langen Beine perfekt. Das T-Shirt zeichnet die Vollkommenheit ihrer Brust ideal nach, während es sich nur leicht gegen ihr langes glänzendes Haar absetzt. Ihre langen Finger schienen gewillt und auch gewohnt etwas zu tun, gleichzeitig aber strahlten sie eine gewisse nichtgekannte Eleganz aus. Der einfache Glanzlack bestätigte dies. Die Ballerinas, die sie trug, stellten optimal die Linie ihres Fußrückens zur Schau. Insgesamt konnte sie als Aphrodite gelten. Sie beobachtete ihn die ganze Zeit über, wie gestern, aus den Augenwinkeln heraus und hoffte. Plötzlich hört er auf mit Tanzen und geht von der Tanzfläche.

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