Der Prozess… …des Lesens, Interpretierens, Rätselns. Ein Theaterbesuch in Freiburg

»Jemand mußte Josef K. verleumdet haben, denn ohne daß er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet.« So rätselhaft fängt der vermutlich berühmteste Roman von Franz Kafka an, der uns auch nach unserem Theaterbesuch ein Rätsel bleibt.

Auch das Theaterstück, das sehr nah am Text war, begann mit diesem vorausblickenden Satz. Josef K. (Florian Schmidt-Gahlen), ein Bankprokurist, wird eines Morgens ohne sich einer Schuld bewusst zu sein, von zwei Wächtern namens Franz (Christoph Kopp) und Willem (Ullo von Peinen) verhaftet. Ungewöhnlicherweise darf sich K. aber frei bewegen und sein alltägliches Leben weiterführen. Jedoch wird K.s alltägliches Leben immer mehr von seinem Prozess beeinflusst. Das Gericht und sein Wesen bleiben für ihn undurchschaubar. Am Ende wird er unwissend von seiner Schuld zum Tode verurteilt.

Die diversen Frauen im Roman, die mit der Gerichtswelt in Verbindung stehen und die K. als »Helferinnen« zu werben versucht, üben eine erotische Anziehungskraft aus, der sich unangemessen schnell (ein Männernachtstraum?) hingegeben wird.

Obwohl die meisten Schauspieler sich sehr gut in ihre Rolle hineinversetzen konnten, wurden gerade diese Frauen sehr übertrieben dargestellt. Frau Grubach, K.s Vermieterin, die im Roman eher eine mütterliche Rolle übernimmt, wird im Theater sehr aufdringlich und sogar erotisierend dargestellt. Auch die Frau des Gerichtsdieners, die vom Untersuchungsrichter und Studenten begehrt wird, ist, im Gegensatz zur Leni, die Pflegerin des Advokaten von Josef K., übertrieben und sexistisch dargestellt. Wohingegen Leni, die mit K. einen Beischlaf vollzieht, zu zurückhaltend und brav war. Während des Romans wird Josef K. immer schwächer und verliert an Kraft. Dies ist im Theater leider nicht zu erkennen. Jedoch meistert Florian Schmidt-Gahlen seine Rolle als Josef K. erfolgreich.

Das Bühnenbild entsprach nicht den Erwartungen der Zuschauer. Der »kleine Wasserfall« und das »Wasser« auf dem Boden, ein schlicht wirkendes, aber trotzdem sehr kompliziertes Bühnenbild, beeindruckten zwar das Publikum, aber im Roman wird nicht einmal annähernd »Wasser« erwähnt. Jedoch muss man hinzufügen, dass den Zuschauern vorerst die Bedeutung des Wassers unklar war. Die Nachbesprechung mit der Dramaturgin Viola Hasselberg sorgte aber für Klarheit. Das Wasser könnte für K.s Traumwelt und für die Unwirklichkeit in der Wirklichkeit des Romans stehen. Ist aber das Theater gut, wenn das Publikum die Intention nicht nachvollziehen kann? Ja, denn Theater sollte so sein, dass die Intentionen nicht sofort verstanden werden können, sondern, dass das Stück selbst auch noch interpretiert werden muss. Vergleichbar ist das mit der vorletzten Szene im Roman. K.s unmittelbare Umgebung wird durch eine Kerze erhellt, jedoch bleibt K. das, was in weiterer Entfernung liegt, verborgen, da der Schein der Kerze K.s Sichtweite einschränkt. Teilweise wird K.s Welt erleuchtet, jedoch wird vieles noch immer im Dunkeln gelassen.

Genauso verhält sich das Theaterstück: Viele Fragen der Zuschauer werden erleuchtet, aber durch die Umsetzung des Stücks, werden auch viele Fragen aufgeworfen, welche wieder Dunkelheit bringen.
Im Allgemeinen wurde das Stück trotz aller Schönheitsfehler gut aufgenommen, da es den Schauspielern sehr gut gelang die Stimmung im Roman auf ihr Spiel zu übertragen, wodurch das Stück sehr interessant und kurzweilig für die Zuschauer wurde. Auch wenn das kafkaeske Rätsel nicht gelöst werden konnte, war diese Theateraufführung vor der Deutschklausur sehr hilfreich und empfehlenswert.

0 Kommentare zu “Der Prozess… …des Lesens, Interpretierens, Rätselns. Ein Theaterbesuch in Freiburg”


  1. Keine Kommentare

Einen Kommentar schreiben