Einstein
und die Freiheit
"Bin ich
da als ein Werkzeug für den Staat, oder ist der Staat nur ein
Mittel, das geordnete Dasein von Menschen zu ermöglichen?" -
Ungewohnte Gedankengänge des genialen Physikers Albert Einstein.
Oft wird er in der Wahrnehmung der Menschen auf sein
Arbeitsgebiet, plakativ symbolisiert durch die Formel E=mc²,
reduziert. Doch als Person und in seiner Weltanschauung war
Einstein weitaus vielschichtiger und vertrat kompromisslos seine
Überzeugungen von der Freiheit des Einzelnen sowie der
Verpflichtung zur Moral und dem Wohl der gesamten Menschheit. Im
bedingungslosen Streben nach Freiheit ist Einstein mit Schiller
verbunden.
Schiller
und die Freiheit– ein Weltbürger, der keinem Fürsten dient
Schiller,
der Shootingstar der Klassik-Epoche, bildet mit seinem Leben und
seinem Werk den Hintergrund der Komödie von Georg Kaiser „Der
Fall der Schülers Vehgesack“. Wer war Schiller? Zögling des württembergischen
Herzogs Karl Eugen, Militärarzt, Deserteur, Universalhistoriker,
Dramatiker, Idealist und Vater von vier Kindern, die er mehr oder
weniger schlecht ernähren konnte. 45 Jahre genügten diesem
willensgewaltigen Menschen für seine Karriere als Poet,
Dramatiker, Lyriker, Historiker. Sie brachten ihm Hunger,
Krankheit, Armut, aber auch Ruhm, den Adelstitel und bis heute
Unsterblichkeit. „In Thyrannos“ war das Motto seines Lebens,
ein Kämpfer mit Federkiel und Tinte, der argwöhnisch jede
Instanz verfolgte, die sich der Freiheit entgegenstellte.
Schiller
als wilder, lebenshungriger, freiheitsliebender junger Mann setzte
alles aufs Spiel, als er mittellos aus Württemberg floh. „Ich
trat mit eigenartiger Zuversicht aus dem damaligen Kreis meiner
Bestimmung heraus, der so eng und dumpfig war wie ein Sarg“,
bekannte er in einem Brief an seine Schwester. Aber er musste
schwer für seine Flucht aus der Stuttgarter Militär-Akademie büßen.
Der tyrannische Herzog Karl Eugen erteilte Schiller ein
Schreibverbot: „Ich sage, bei Strafe der Kassation schreibt Er
keine Komödien mehr.“ Aber für Schiller war Schreiben längst
zum Lebensinhalt geworden. „Ich schreibe als Weltbürger, der keinem Fürsten dient. ... Neigung
für Poesie beleidigte die Gesetze des Instituts, worin ich
erzogen ward, und widersprach dem Plan seines Stifters. Acht Jahre
rang mein Enthusiasmus mit der militärischen Regel, aber
Leidenschaft für die Dichtkunst ist feurig und stark, wie die
erste Liebe. ... Verhältnissen zu entfliehen, die mir zur Folter
waren, schweifte mein Herz in eine Idealenwelt aus.“
Nicht
nur in seinem Alltag, sondern auch in seinen Werken setzte er sich
bedingungslos für Ideale ein. Zentrale Themen seiner Dichtung
waren, seit er mit 30 Jahren Zeuge der Französischen Revolution
wurde, die Freiheits- und Menschenrechte, die Kritik an
absolutistischer Willkür (Die
Räuber, Don Carlos, Wilhelm Tell) und an der Ständegesellschaft
(Kabale und Liebe), die
Entstehung einer bürgerlichen Nation (Geschichte
des Abfalls der Vereinigten Niederlande) und die Entwicklung
der Französischen Revolution (Wallenstein).
Auch die Rolle der Frau, ihre Position in der Gesellschaft hat
Schiller reflektiert, wobei die großen Frauenfiguren oftmals dem
widersprechen, was er in Lyrik und Prosa über Tugend und Würde
der Frauen formuliert hat. In der Lady Milford (Kabale
und Liebe), in der Jungfrau von Orleans, in Elisabeth (Maria
Stuart), in Hedwig,
Tells Gattin gestaltete er Frauen, die sich durch Stärke,
Autonomie, Ehrgeiz, Mut, ja Verwegenheit auszeichnen. Aber fast
immer geht in seinen Tragödien auf der Bühne das Gute und
Sittliche zu Grunde. Freiheit und Gerechtigkeit, die persönliche
Würde und Verantwortung des Einzelnen werden nachdrücklich
eingefordert.
100
Jahre später - Der Schüler Vehgesack und die Freiheit
Von
der ungestümen Forderung des jungen Schiller nach Freiheit bis zu
ihrer Verwirklichung hat es lange gedauert. Als Georg Kaiser mehr
als hundert Jahre später sein erstes Stück „Der
Fall des Schülers Vehgesack“
schrieb, war es jedenfalls noch nicht so weit. Im Gegenteil:
Die
Unfreiheit aller Personen in diesem Drama hat groteske, käfigartige
Züge. Die Lehrer vermitteln zwar die idealen Ideen der Klassiker,
sind als Angehörige des Bildungsinstituts aber äußerlich abhängig
vom Geldgeber, dem Fürsten, innerlich zeigen sie sich gebunden an
einen Begriff von Ehre und Moral, der über jede Menschlichkeit
obsiegt. Den Lehrerehefrauen ist jede Selbständigkeit verwehrt,
sie sind bestimmt als „Frau des –lehrers“. Ohne Chance auf
Bildung noch Beruf versuchen sie, der Freudlosigkeit ihres
farblosen Lebens auf dem Weg der Liebe zu entkommen. Aber in ihren
ungestillten Sehnsüchten werden sie zu vampirähnlichen Monstern,
die sich gierig auf den Schüler Vehgesack stürzen, sich von ihm
die vermisste Lebendigkeit erhoffen – von Liebe weit entfernt.
Den
einzigen Schimmer von Hoffnung entwirft Kaiser im Blick auf
Vehgesack, der die schillersche Sprache spricht, und auf Lotte,
die von außen in diesen Kreis kommt, im Blick auf die Jugend, auf
die Zukunft von 1905. Die düstere traurige Existenz in dieser
Schulanstalt ist nur als Komödie zu ertragen und die Botschaft
des Stücks liegt in der Negation dessen, was dem Zuschauer auf
der Bühne vor Augen geführt wird. Deshalb spielt sich die
Handlung vor dem Hintergrund der freiheitsfordernden Dramen
Schillers ab.
200
Jahre später – Schiller heute
Keine
Frage – wir leben heute in Europa in durch Gewaltenteilung
garantierten Rechtsstaaten, in Sozialstaaten, in denen jeder Bürger
den Anspruch auf Schutz der Persönlichkeit hat, in denen für
jeden Bürger der Gleichheitssatz gilt. Meinungs-, Presse-,
Religionsfreiheit statt Zensur, Schreibverbot, Inquisition, freie
Wahlen von politischen Parteien statt despotischer Monarchie,
gleiche bürgerliche Rechte für alle, für Mann und Frau. Dass
diese Errungenschaften keine Selbstverständlichkeiten sind, zeigt
uns nicht nur der Blick zurück in die eigene Geschichte oder in
andere Teile der Welt, sondern im Zeitalter der Globalisierung und
des sozialen Abbaus fühlen wir es heute auch. Welches sind die
heutigen Fürsten, denen der mündige Bürger seinen Dienst
verweigern könnte? Freiheit gegenüber der Bevormundung durch die
Medien, durch Konsum, Mode, Technik. Gedankenfreiheit heißt heute
Querdenken, für die Durchsetzung der noch immer nicht eingelösten
Forderungen der Aufklärung nach Befreiung aus der
selbstverschuldeten Unmündigkeit.
Zum
Autor - Georg Kaiser und die Freiheit
Im
„Fall des Schülers Vehgesack“ verarbeitete der Autor in
tragikomischer Manier sein Verhältnis zum wilhelminischen Bürgertum
und zum humanistischen Gymnasium, das er nur bis zur Mittleren
Reife ertrug. Sein Leben zeigt manche Parallelen zu seiner Figur,
aber auch zu Schiller.
Schon
mit 20 Jahren wurde ihm seine Heimatstadt Magdeburg, wo er 1878
geboren wurde, zu eng, es trieb ihn in das ferne Südamerika, nach
Buenos Aires. Wegen einer schweren Malariainfektion sah er aber
schon bald seine Heimatstadt wieder, wo er jahrelang in
finanzieller Abhängigkeit seiner wohlhabenden Familie lebte. 1908
heiratete er Margarethe Habenicht, die ihm finanzielle Unabhängigkeit
ermöglichte. Kurze Zeit später beherrscht er neben Hauptmann und
Brecht die deutschen Theaterbühnen. Er war der populärste und
meistgespielte Dramatiker des Expressionismus. In seinen rund 40
Stücken propagiert er die „Erneuerung des Menschen“.
Fielen
1917 lediglich einzelne Stücke der preußischen Zensur zum Opfer,
stürmte 1933 die SA während der Uraufführung seines Dramas
„Der Silbersee“ das Leipziger Schauspielhaus. Das
Publikationsverbot folgte. 1933 brannten seine Bücher auf dem
Scheiterhaufen, 1938 floh er über Amsterdam ins Schweizer Exil.
Auf heutigen Bühnen hält man vergeblich nach seinen Stücken
Ausschau.
1945
starb Georg Kaiser in Ascona, wo er die letzten Jahre verarmt und
vergessen lebte. Seine Frau erfuhr in Deutschland durch das Radio
vom Tod ihres Mannes.
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