Schreibwettbewerb: Bild „Der Spaziergang“ von Marc Chagall     Von Julius Schlumberger  9a



Marc Chagall: Der Spaziergang


Sebastian verzieht das Gesicht zu einem Lächeln. Er schläft. Sein rabenschwarzes Haar fällt ihm locker in das entspannte und glückliche Gesicht. Die ersten frühsommerlichen Sonnenstrahlen suchen ihren Weg durch die geöffnete Dachluke und fallen in schmalen Streifen in die kleine Kammer, die Sebastian gehört. Sie ist spärlich möbliert und auf allen freien Flächen liegen Notenstapel. Denn Sebastian ist Organist in der Stadtkirche St. Jacobi. An diesem frühen Freitagmorgen wird er von den Fuhrwerken geweckt, die unten in Richtung des Marktplatzes durch die Gasse rumpeln. Heute ist Markttag.
Sebastian reibt sich verschlafen die Augen und versucht sich den Traum wieder in Erinnerung zu rufen. Er hat gerade von seiner Geliebten Johanna geträumt: Sie waren zusammen auf das Maifest gegangen und hatten dort miteinander getanzt. Er, der schmale Orgelspieler und Johanna, die reiche Kaufmannstochter mit ihren bunten Kleidern. Sie hatten eng umschlungen getanzt und er hatte an ihren nach Rosen duftenden Haaren gerochen, während die Kappelle einen langsamen Walzer spielte…
Plötzlich springt er auf und schlägt sich prompt den Kopf an der schrägen Zimmerdecke an. Fluchend zieht er sich seine schönsten Kleider an und spritzt sich flüchtig eiskaltes Wasser ins Gesicht. Für heute hat nämlich die dicke Köchin, die bei Johanna im Haus wohnt, ein heimliches Treffen arrangieren können. Sie ist eine gutherzige, etwas dickliche alte Witwe, die ihm schon den einen oder anderen Leckerbissen zugesteckt hatte. Ihm läuft das Wasser im Mund zusammen, wenn Sebastian nur an ihre Pasteten denkt. Da der Kaufmann und seine Frau auf einer längeren Reise sind und sie den Bediensteten während dieser Tage freigegeben haben, können Johanna und Sebastian diesen Freitag zusammen im Grünen verbringen. Seufzend macht sich Sebastian auf den Weg zu ihr.
„Hätte ich nur eine besser bezahlte Arbeit, dann könnte ich vielleicht um die Hand von Johanna anhalten; aber ihr reicher Kaufmannsvater würde mich sowieso nie als Schwiegersohn akzeptieren, da er durch diese Heirat nicht an Einfluss und Macht gewinnt.“ Ärgerlich versucht er die Gedanken an den Widerling zu verdrängen. Der sitzt jetzt irgendwo in einer Postkutsche. „Soll er doch zur Hölle fahren! Ich spiele die Musik, weil ich sie liebe. Wegen sonst nichts!“
Betrübt biegt er in die Straße der reichen Kaufleute ein und erreicht schließlich am Ende der breiten, sehr sauberen Straße das große Haus des Kaufmanns van Lax. Ihm gehört das größte und prächtigste Haus, das wie die anderen Häuser rot getünchte Wände hat, zusätzlich aber noch mit Erkern und Steinmetzarbeiten aufwändig verziert ist. Sebastian sieht sich vorsichtig um und betritt dann durch den Boteneingang das Haus. Auf dem Weg in den hinter dem Haus gelegenen Garten kommt er durch die blitzblanke Küche des Hauses. Bei der Pforte angekommen, die in den Garten führt, sieht Sebastian Johanna. Wie er sie so betrachtet, steigt eine angenehme Wärme in ihm auf. Er liebt sie sehr. Schon seit sie sich damals nach der Sonntagsmesse begegnet waren.
Sie richtet sich auf und streicht sich eine braune Haarsträhne aus dem Gesicht. Da bemerkt das 18-jährige Mädchen ihren Organisten in der Küchentüre stehen. Schnell kommt sie zu ihm und nimmt ihn fest in die Arme. „Ich dachte, du kommst gar nicht mehr!“, flüstert sie ihm zärtlich ins Ohr.
„Tut mir leid! Ich hab verschlafen. Hab von dir geträumt.“, kommt seine Antwort. „Von mir? Na so was!“, lacht Johanna. „Ja! Wir waren zusammen auf dem Maifest und haben getanzt.“ Da erscheint in Johannas Gesicht eine unerklärliche Traurigkeit. Schnell wendet sie sich ab und sagt dann: „Komm, lass uns gehen! Ich hol’ noch schnell den Korb mit dem Picknick aus der Küche. Die Köchin war so nett und hat ihn mir gestern zusammengepackt.“
Bald schlüpfen sie auf der anderen Seite aus dem Garten und legen den Weg bis zum Stadtmauer schweigend zurück.
Endlich, als sie das Dorf hinter sich gelassen haben, beginnen sie zu laufen, denn nun fällt alle Furcht von ihnen ab, dass Bekannte sie erkennen würden. Übermütig tollen sie durch die duftenden Wiesen. Nach Luft schnappend lassen sie sich ins Gras fallen. „Du Johanna, hab ich dir schon gesagt, wie hübsch du wieder aussiehst?“ Sie liegen nebeneinander im hohen Gras. Die Luft ist vom Summen der geschäftigen Insekten erfüllt, die in der Wiese umherfliegen. Lachend erwidert Johanna: „Jedes Mal, wenn wir uns treffen, sagst du es mindestens hundert Mal! Und dann antworte ich dir: ‚Du Casanova, du! Deine Komplimente bringen jedes Mädchen zum Erröten!’.“ Wieder lachen beide und beobachten ein Schwalbenpärchen, das über ihnen ihre Flugkünste zum Besten geben. „Ich wäre’ auch gern so ein Vogel. Dann könnte ich hinfliegen, wohin ich wollte und wäre frei und könnte mir befehlen, was ich machen soll!“ Johanna seufzt melancholisch. Sebastian erwidert ihr zärtlich: „Jaja, du bist meine Schwalbe. Mein kleines, hübsches Schwälbchen.“
Und so wandern sie schließlich händchenhaltend dem Frühsommertag entgegen. Es wird ein sonniger und warmer Tag werden. Plaudernd und scherzend erreichen sie einen kleinen Hügel, auf dem das Paar eine kurze Rast einlegt. Von hier aus haben sie einen wunderschönen Blick auf die Landschaft: sanfte grüne Hügel breiten sich in alle Richtungen aus. Hie und da sieht man ein paar Bauernhöfe, die wie vergessenes Spielzeug auf dem grünen Teppich verstreut liegen. In der Ferne glitzern die Windungen des großen Flusses in der Morgensonne und weiter im Westen, hinter dem Dorf, erhebt sich das Gebirge. Wie Ameisen ziehen Händler und Bauern in einer langen Kolonne auf einer Landstraße Richtung Dorf, weil sie dort ihre Waren auf dem Markt anbieten wollen. Weiter im Süden sieht man die großen Wälder, in denen noch der Morgennebel hängt.
„Schau mal da!“, ruft Sebastian plötzlich, „Da sind Rehe am Waldrand!“ „Wo?“, Johanna ist ganz aufgeregt. „Dort, bei dem Gehöft vom alten Bauer Rückschloss!“ „Au ja, jetzt sehe ich sie auch! – Wie schön sie sind!“ Schweigend betrachten sie die Herde, bis diese im Wald verschwindet. Dann wandern sie weiter, bis sie gegen Mittag ein lauschiges Plätzchen finden. Es ist von Birken umstanden und in der Nähe gurgelt ein kleiner Bach lustig vor sich hin. Hier wollen die beiden picknicken.
Während Johanna das Picknick vorbereitet, wandert Sebastian ein bisschen herum und findet an dem kleinen Bach Himbeersträucher. Ungewöhnlich für diese Jahreszeit hängen an den kleinen Sträuchern schon ein paar Früchte. Rasch pflückt er sie und kehrt zu Johanna zurück.
„Überraschung! Schau mal, was ich hier gefunden hab! Himbeeren!“ Als er jedoch das Picknick bemerkt, staunt er. „Überraschung!“, kichert Johanna, „ Schau mal, was ich mitgebracht hab! Kalter Lammbraten, frisches Brot, Pastete, Obst und Gemüse!“ Sofort machen sie sich über das Mitgebrachte und die Himbeeren her. Nach dem köstlichen Mahl kuschelt Johanna sich an ihn und seufzt zufrieden. So dösen sie vor sich hin, bis ihnen von der schwülen Mittagshitze und dem Gezwitscher der Vögel über ihnen bald die Augen zufallen.
»Sebastian spaziert mit Johanna durch den Stadtpark. Sie haben sich gerade verlobt. Plötzlich kommt Johannas' Vater auf sie zu. Er entreißt Sebastian das Mädchen und schreit wutentbrannt: „Meine Johanna wird dir nie gehören! Sie ist schon einem jungen Mann versprochen, der die richtige Partie für meine Tochter sein wird!“
Johanna sträubt sich vergeblich gegen den festen Griff ihres Vaters. Verzweifelt streckt sie die Hand nach Sebastian aus...
Jetzt steht Sebastian in einem großen Zimmer mit vielen Möbeln. Auf einem Tisch am Fenster steht ein Käfig – ein Vogelkäfig. Im Inneren flattert eine kleine Schwalbe. Sie flattert traurig mit den Flügeln. Ihr Federkleid ist ganz matt. Sebastian weiß, dass es Johanna ist.«
„Neiiin!“, Sebastian fährt hoch. Der Himmel ist mit bedrohlichen Wolken bedeckt und in der Ferne hört man schon das dumpfe Grollen eines Donners. Überrascht mustert eine verschlafene Johanna ihren schweißnassen Freund. „Was ist denn los?“, fragt sie ihn. „Ich hab geträumt, dass du einem Mann gegeben wirst und sehr unglücklich darüber sein wirst. Er wird dich einsperren und niemals darfst du machen, was du willst!“, stößt Sebastian hervor. Die ersten Tropfen fallen sanft auf die Blätter über ihren Köpfen. Entsetzt springt Johanna auf. Ihre schöne Gestalt wird von stillen Weinkrämpfen geschüttelt. Der Regen wird immer heftiger und als Sebastian sie umarmen möchte, bemerkt er den Verlobungsring, den Johanna bisher vor ihm verborgen gehalten hatte. Es ist ein prächtiger Ring, und baumelt an einer Kette um ihren Hals. Sie schluchzt auf und entwindet sich seinen tröstenden Armen. Johanna stürzt in den sinnflutartigen Regen und lässt ihren verzweifelten Organisten zurück. Nun schlägt der erste Blitz ein. Ein ohrenbetäubender Donner folgt.

    

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